
Zu Besuch im Tierheim: Diese fünf Klischees stimmen nicht
Seit ich neuerdings Tierheimkatzen habe, ärgern mich Vorurteile darüber mehr denn je. Deshalb habe ich das Tierheim des Zürcher Tierschutz besucht und den Leiter mit den fünf häufigsten Klischees konfrontiert.
«Was für ein öder Tag!», denke ich mir mit Blick zum grauen Himmel, als ich an der Haltestelle Zoo aus dem Tram steige. Nur knappe 800 Meter entfernt liegt das Tierheim des Zürcher Tierschutz. Glaube ich den typischen Vorurteilen, begegne ich bald einem noch viel düsteren Ort.
1. Tierheime sind triste Orte
Dem ist nicht so. Vor mir erscheint ein modernes Gebäude mit riesigen Fensterfronten. Als ich eintrete, höre ich im Hintergrund Vögel zwitschern. Es ist friedlich, eher wie in einem Refugium als in einem Heim. «Schön haben Sie es!», sage ich zu einer Tierpflegerin am Empfang, die mich gleich zum Tierheimleiter bringt.

Quelle: Christian Walker
Rommy Los begrüsst mich mit einem Lächeln – und einer Chihuahua-Dame zu seinen Füssen. «Lou ist auch aus dem Tierheim», sagt er und fügt zwinkernd hinzu: «Natürlich hat sie deshalb einen Knacks.» «Natürlich», antworte ich lachend und folge Rommy, der Lou mit einem kurzen Zeichen zum Bleiben veranlasst. Denn wo wir jetzt hingehen, ist Sperrzone für sie.
Wir gehen einen langen Gang entlang, bis wir vor einem Zimmer mit der Aufschrift «Quarantäne» stehen bleiben. Hierhin kommen alle Tiere nach einem Eintrittscheck und werden auf Krankheiten untersucht, geimpft und gechipt. Doch woher kommen eigentlich die Katzen, Hunde, Nager, Vögel, Schnecken, Amphibien und Reptilien, die im Tierheim vermittelt werden?

Quelle: Christian Walker
2. Tierheimtiere sind verhaltensgestört
Etwa 80 Prozent seien Verzichttiere, sagt Rommy. «Die Leute geben sie ab, weil sie umziehen, einen neuen Job annehmen, das Kind eine Allergie bekommen hat oder die Pflege zu aufwändig oder teuer ist.» Dann gebe es noch einen kleinen Teil herrenlose Findeltiere und in einzelnen Fällen beschlagnahmte Vierbeiner, die zum Beispiel vernachlässigt wurden. Dass in Tierheimen nur höchst problematische Tiere landen, ist ein verbreitetes Klischee – und Rommy widerspricht dem entschieden.
«Würde man zufällig an den Türen von beliebigen Vierbeiner-Haushalten klingeln, würde man in etwa auf dieselben Tiere treffen wie bei uns. Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft.»
Wir betreten den Katzenbereich, unser eigentliches Ziel. Letztes Jahr trafen insgesamt 190 Katzen im Tierheim des Tierschutz ein. «Welche sind noch da?», frage ich. «Nur noch ganz wenige», sagt Rommy. Im Durchschnitt kommt und geht jeden Tag ein Tier. Von den Katzen werden etwa 90 Prozent in den ersten drei Monaten vermittelt und schwierige Tiere nach einem halben Jahr. Sehr anspruchsvolle Hunde bleiben auch mal über ein Jahr im Tierheim.

Quelle: Christian Walker
Wir steuern die nächste Station an: die 14 Katzenzimmer. Hierhin werden die gesunden Tiere aus der Quarantäne verteilt. Gleichgesinnte kommen in kleinen Gruppen zusammen. Und verängstigte Vierbeiner? Rommy zeigt durch das Fenster eines Mitarbeiterbüros. Gerade huscht eine schwarz-weisse Katze durch den Raum. Hier können sich eingeschüchterte Vierbeiner langsam an Menschen gewöhnen. «Dass wir Katzen gar nicht vermitteln können, gibt es eigentlich nicht», sagt Rommy.

Quelle: Christian Walker
3. Bei Tierheimtieren weiss ich nicht, was mich erwartet
Sind die ersten Wochen rum, haben die Mitarbeitenden bereits ein Bild vom Charakter der Katzen erhalten und alle Eigenheiten sorgfältig dokumentiert. Dann ist es an der Zeit, die Inserate online zu stellen. «Eigentlich absurd, dass es oft heisst, man wisse bei Tierheimtieren nicht, was einen erwarte», sage ich. Rommy nickt.
«Weiss ich denn bei einem Zuchtwelpen oder einem Bauernhofkätzchen, was mich erwartet? Vielleicht stellt sich erst nach Monaten heraus, dass sich das Tier weigert, Auto zu fahren, dass es nicht alleine zu Hause bleiben kann oder eine Krankheit hat. Und dann landen die Tiere wieder bei uns.»
Wir gehen an einer Tür mit der Aufschrift «Futterküche» vorbei. Hier sind nicht nur Leckereien, sondern auch Medikamente zu finden. Für die medizinische Versorgung gibt das Tierheim, das sich über private Spenden finanziert, den grössten Betrag aus – neben Lohnkosten. An die 100’000 Franken pro Jahr, etwa fünf Mal mehr als fürs Futter. Das versinnbildlicht, weshalb einige Haustierbesitzende mit einem kranken Tier finanziell überfordert sind. «Es ist traurig, aber ich verurteile es nicht», sagt Rommy. «Mir ist es lieber, sie bringen die Katzen zu uns, als sie auszusetzen.»
4. Tierheimtiere sind in kleinen Zimmern eingesperrt
Nun wollen wir auch noch ein paar Tierheimkatzen persönlich treffen. In Zimmer Nummer 6 begegnen wir Harper und Lemon. Sie blinzeln mich von ihren erhöhten Schlafplätzchen zufrieden an. «Dürfen sie auch raus?», frage ich. Rommy zeigt nach oben. Eine Katzentreppe führt bis zu einer Öffnung in der Decke. «Dort geht’s aufs Dach.» Auch wir steigen empor – über die Zweibeiner-Treppe natürlich.

Quelle: Christian Walker

Quelle: Christian Walker

Quelle: Christian Walker
Oben angekommen treffen wir auf mehrere grosszügige Gehege mit Klettermöglichkeiten. Ich stelle die Frage, die mir schon länger unter den Krallen Nägeln brennt, weil ich erst gerade auf der Suche war: «Wohnungskatzen findet man in Tierheimen selten, oder?» Rommy meint schulterzuckend:
«Wir haben nur vereinzelte Wohnungskatzen, die aus einer reinen Innenhaltung kommen. Wenn sie aber Interesse am Aussengehege zeigen, vermitteln wir sie als Freigänger. Genauso lassen wir junge Katzen raus. Sie sollten zumindest einmal die Wahl gehabt haben.»

Quelle: Christian Walker
5. Wer will schon Tierheimtiere?!
Auch ich sollte wieder nach draussen – die Besuchszeit habe ich längst überzogen. Kein Wunder: Die sehnsüchtigen Blicke der Katzen hinter mir zu lassen, fällt schwer. Doch ich weiss, dass auch die scheuesten bald ein Zuhause finden werden. «Das Interesse an Katzen aus einem Tierheim ist grundsätzlich gross», sagt Rommy beim Hinausgehen. «Erst kürzlich hat ein junges Paar eine alte Katze adoptiert, um ihr einen schönen Lebensabend zu schenken. Das berührt mich noch immer.»
Mich auch. Als ich zurück auf die Strasse trete, ist der Himmel nicht mehr grau. Vielleicht liegt es nicht nur an der Sonne, sondern auch an einer Erkenntnis: Ein wirkliches Problem haben nicht die Tierheimtiere – sondern die voreingenommenen Menschen, die sich nie auf sie eingelassen haben.
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Ich mag alles, was vier Beine oder Wurzeln hat. Zwischen Buchseiten blicke ich in menschliche Abgründe – und an Berge äusserst ungern: Die verdecken nur die Aussicht aufs Meer. Frische Luft gibt's auch auf Leuchttürmen.