

«Xenoblade Chronicles X»: ein spezielles RPG-Meisterwerk voller magischer Momente
«Xenoblade Chronicles X: Definitive Edition» ist ein beinahe vergessener Wii-U-Klassiker, der auf der Switch eine zweite Chance bekommt. Zum Glück, denn selten hat mich ein Rollenspiel so mitgerissen, wie dieses einzigartige Weltraum-Epos.
Ich habe mich in «Xenoblade Chronicles X» verliebt. Das Sci-Fi-Rollenspiel hat mich in rund 85 Stunden Spielzeit mit zahlreichen magischen Momenten begeistert.
Ursprünglich erschien der Titel 2015 für Nintendos gefloppte Wii-U-Konsole. Dort ging das Spiel sang- und klanglos unter. Nun erhält das Game mit der «Definitive Edition» eine zweite Chance auf der Switch. Nintendos Entwicklerstudio Monolith Soft spendiert der Switch-Version neue Inhalte, eine aufgebohrte Grafik und zahlreiche Verbesserungen im Spielfluss.
Bist du Sci-Fi- und JRPG-Fan, solltest du diesem unterschätzten Meisterwerk im zweiten Anlauf unbedingt eine Chance geben.
Eine hoffnungsvolle Story mit vielen WTF-Momenten
Wir schreiben das Jahr 2054. Die Erde wurde durch einen intergalaktischen Krieg zerstört, die Menschheit steht am Rande der Auslöschung. Eine kleine Gruppe Überlebender flieht an Bord eines riesigen Raumschiffs. In einer weit entfernten Galaxie stürzt das Schiff auf dem Planeten «Mira» ab.

Ich übernehme die Rolle eines Mitglieds der «BLADE»-Einheit – einer militärischen Organisation, die den neuen Planeten erkunden und zähmen soll. Leichter gesagt als getan, denn unsere neue Heimat ist voller fieser Aliens und Roboter, denen es nach Menschenfleisch dürstet.
Typisch für «Xenoblade»-Games entwickelt sich die zunächst desolate Ausgangslage zu einer hoffnungsvollen Geschichte, garniert mit vielen unerwarteten WTF-Momenten. Im Zentrum steht die philosophische Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Einen Haken hat das Ganze: «Xenoblade Chronicles X» erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern vor allem mithilfe von Nebenmissionen. Folge ich nur der Hauptquest, erlebe ich bloss einen Bruchteil dessen, was die Magie der Welt ausmacht. Das ist bisweilen anstrengend, fühlt sich aber auch sehr belohnend an – je mehr Zeit ich in die Nebenquests investiere, desto besser wird die Story.
Fans des Originals wird es freuen, dass der fiese Cliffhanger aus der Wii-U-Fassung in der «Definitive Edition» endlich aufgelöst wird – inklusive zusätzlicher Spielwelt. Der neue Story-Inhalt fühlt sich aber leider überladen und zu schnell erzählt an. Der holprige Abschluss wird unter Fans für kontroverse Diskussionen sorgen.
Eine gigantische und brutale Spielwelt
Den unbarmherzigen Planeten untersuche ich mit meiner selbstgebastelten Spielfigur und bis zu drei weiteren BLADE-Mitgliedern. Unsere Übersichtskarte ist in Sechsecke aufgeteilt, in denen es jeweils verschiedene Forschungsaufgaben zu erledigen gilt. Wir müssen Teile des Raumschiffswracks finden, potenzielle Bedrohungen eliminieren und Forschungssonden installieren, um seltene Ressourcen zu sammeln.

Die offene Spielwelt von «Xenoblade Chronicles X» fühlt sich überwältigend an. Wir sind nur kleine, hilflose Würmer, die inmitten gigantischer Monster irgendwie zu überleben versuchen. Dank der Kamera, die ich sehr weit weg von meinem Spielcharakter positionieren kann, bekomme ich ein noch besseres Gefühl für die Grösse der Welt und deren Bewohner.

Im Gegensatz zu anderen Rollenspielen sind die einzelnen Regionen Miras nicht klar nach Levelstufe aufgeteilt. Schon im Anfangsgebiet begegne ich Kreaturen, die weit über der Stufe meines Charakters sind. Jede Forschungsmission wird durch Horden übermächtiger Monster zum riskanten Spiessrutenlauf. Selten habe ich mich in einem Game so hilflos und winzig gefühlt.

Die Mechs sind etwas vom Geilsten, was ich je in einem Game erlebt habe
Nach rund 20 Spielstunden, in denen ich den Planeten zu Fuss erkunde, erlebe ich einen Gameplay-Twist, der alles auf den Kopf stellt. Meine Crew und ich erhalten «Skell»-Lizenzen. Skells sind riesige, bewaffnete Mechs, die besonders talentierten BLADE-Mitgliedern vorenthalten sind.
An Bord einer solchen Killermaschine fühle ich mich nicht mehr wie ein kleiner, hilfloser Wurm. Spielgebiete, die zu Fuss unendlich gross wirkten, erkunde ich mit dem Roboter in Windeseile. Auch viele gigantische Gegner, die mich zu Fuss gemobbt haben, erscheinen plötzlich nicht mehr so riesig.

Nach weiteren fünfzehn Spielstunden stellt das Game erneut alles auf den Kopf.
Ich schalte ein Upgrade-Modul für meinen Skell frei. Das erlaubt mir, mit meiner Blechbüchse zu fliegen. Beim ersten Testflug bekomme ich Gänsehaut. In meinem tonnenschweren Mech hebe ich mit dem neu installierten Düsenantrieb langsam ab und fliege Richtung Sonnenuntergang.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, die einst gigantisch wirkende Welt nach so langer Spielzeit plötzlich aus einer komplett neuen Perspektive zu erleben. Es ist, als würde ich ein komplett anderes Game spielen. Wahnsinn.

Der magische Mech-Moment wird durch ein träumerisches Ohrwurm-Lied («Don't Worry») von Anime-Komponist Hiroyuki Sawano begleitet. Der ist unter anderem bekannt für seine Arbeit an «Attack on Titan» oder «Solo Leveling». Er hat auch den Rest des einzigartigen Soundtracks komponiert, den ich als intergalaktische Mischung zwischen Rap, Rock, Elektro und orchestraler Musik beschreiben würde. Ganz grosses Kino!
Das MMO-Kampfsystem ist wie Crack
Die «Xenoblade»-Games sind bekannt für ihre speziellen Echtzeit-Kampfsysteme, die an jene aus MMOs erinnern – so auch «Xenoblade Chronicles X».
Im Kampf gegen die Alien-Viecher stehen mir maximal acht Spezialattacken zur Verfügung, die am unteren Bildschirmrand aufgelistet sind. Jeder Angriff braucht nach der Aktivierung eine bestimmte Zeit, um abzukühlen, bevor ich ihn wieder verwenden kann.

Hirnloses Spammen der Spezialattacken führt nicht zum Erfolg. Um gegen mächtige Gegner zu bestehen, muss ich auf das Timing, die Reihenfolge der Attacken und die Positionierung meiner Spielfigur achten. So löse ich Combos und Spezialeffekte aus, die mehr Schaden anrichten oder mir sonstige Vorteile wie Heilung bieten.
Gegen besonders grosse Gegner empfiehlt es sich, nicht zu Fuss, sondern in den Mechs zu kämpfen. Das Kampfsystem mit den Robotern funktioniert ähnlich – die Blechbüchsen sind aber deutlich langsamer als meine Spielfigur. Dafür haben ihre Angriffe viel mehr Wumms.

Unter bestimmten Umständen füllt sich im Kampf eine Spezialanzeige. Ist diese voll, kann ich den «Overdrive»-Modus aktivieren. In diesem zeitlich limitierten Zustand richte ich mehr Schaden an und die Attacken kühlen deutlich schneller ab.
Der Overdrive-Modus ist eine wahre Adrenalin- und Dopaminbombe. Objektiv betrachtet herrscht auf dem Screen pures Chaos. Herumfliegende Schadenszahlen, Screen-füllende Partikeleffekte und unzählige Informationen zu Attacken sorgen für die maximale Reizüberflutung.
Doch mit zunehmender Übung und Erfahrung sehe ich mit meinem Tunnelblick die Ordnung im Chaos. Ich komme in einen ekstatischen Flow-Zustand, in dem ich nicht nachdenke, sondern instinktiv mit perfektem Timing handle. Attacken, Combos, Abkühlung, Wiederholen. Ich bin eins mit dem Controller, eins mit meiner Spielfigur. Was für ein Glücksrausch!

Viel Flexibilität und Komplexität
Ähnlich wie bei der anstrengend erzählten Story und der langen Wartezeit bis zu den Mechs, verlangt das Spiel auch beim Kampfsystem viel von mir ab.
In den ersten Spielstunden bin ich komplett überfordert von all den Möglichkeiten und der Flexibilität. In den komplexen Menüs sehe ich so viele Statistiken, Zahlen und Spezialeffekte, dass mir der Kopf raucht. Ich muss mich für verschiedene Klassen, Waffen, Attacken und Skills entscheiden – die Kombinationsmöglichkeiten sind schier unendlich. Ich habe Angst, meine hart erarbeiteten Ressourcen für die «falschen» Items und Skills auszugeben.

Die Komplexität des Upgrade-Systems wird durch die hohe Auswahl an Partymitgliedern potenziert. Im Laufe des Spiels schalte ich 22 (!) Charaktere frei, die ich mit auf meine Missionen nehmen und upgraden kann.
Aber auch hier gilt: Wer dranbleibt und viel Zeit investiert, wird belohnt. Mit zunehmender Spielzeit erkenne ich eine Struktur hinter all den ineinandergreifenden Systemen und bastle mir systematisch Builds zusammen, die genau meinem Spielstil entsprechen. So viel Flexibilität und Freiraum zum Experimentieren bietet kaum ein anderes Spiel im Genre.
Optimierungen und neue Inhalte
Fans des Originals können sich nebst dem Bonus-Story-Kapitel auf weitere neue Inhalte freuen. Zusätzliche Partymitglieder mit spannenden Geschichten, neue Items, Waffen, Rüstungen und sogar neue Skells finden sich in der «Definitive Edition».

Besonders lobenswert ist, wie stark Monolith Soft die Menüführung umgekrempelt und vereinfacht hat. Auch am Spieltempo wurde geschraubt. So werden beispielsweise Erfahrungspunkte im Kampf neu auf alle Partymitglieder verteilt. Das reduziert unnötigen Grind-Aufwand deutlich und sorgt für ein schnelleres Vorankommen.

Auch die visuelle Präsentation wurde optimiert. Das zerklüftete Terrain des Planeten Mira besticht durch eine hohe Weitsicht und eine überarbeitete atmosphärische Beleuchtung. Im Vergleich zum Original sieht die Welt deutlich schärfer aus. Es ist schier unglaublich, was Monolith Soft mit der veralteten Switch-Hardware auf den Bildschirm zaubert.
Schade, hat das Entwicklerstudio die Gelegenheit nicht genutzt, um den Stützpunkt der Überlebenden, «New L.A.», ebenfalls grafisch aufzufrischen. Die improvisierte Raumschiff-Stadt sieht detailarm aus und leidet an Framerate-Einbrüchen sowie starken Pop-In-Effekten. Auch die Präsentation vieler Cutscenes sieht mit hässlichen NPCs und steifen Animationen nicht mehr zeitgemäss aus. Dies sind aber vergleichsweise kleine Mängel in einem traumhaft schönen Gesamtwerk.

«Xenoblade Chronicles X: Definitive Edition» ist ab dem 20.03. für die Switch erhältlich. Das Spiel wurde mir zu Testzwecken von Nintendo zur Verfügung gestellt.
Fazit
Ein einzigartiges RPG-Meisterwerk voller magischer Momente
Die «Definitive Edition» von «Xenoblade Chronicles X» ist trotz optimierter Spielmechaniken immer noch ein sehr komplexes und manchmal anstrengendes Spiel. Doch investierst du die nötige Zeit und Energie in den Titel, wirst du mit unzähligen magischen Gänsehaut-Momenten belohnt.
Die traumhaft schöne Sci-Fi-Spielwelt ist voller Gefahren und Überraschungen. Das süchtig machende Kampfsystem bietet unheimlich viel Flexibilität und Abwechslung. Und die brachialen Mechs sind etwas vom Coolsten, was ich je in einem Game steuern durfte. Kurzum: «Xenoblade Chronicles X» ist eines der besten Rollenspiele und eines der besten Switch-Games aller Zeiten.
Pro
- traumhaft schöne Open World
- fordernde und komplexe Rollenspielmechaniken
- zahlreiche Überraschungen und magische Momente
- sinnvolle Neuerungen und zusätzliche Inhalte
Contra
- neues Story-Kapitel überzeugt nicht ganz
- stellenweise technisch altbackene Präsentation

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Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.