Siri Schubert
Hintergrund

Sport-BHs sind oft Motivationskiller – jetzt rücken sie ins Visier der Forschung

Siri Schubert
27-2-2025

Welche Athletin kennt das nicht? Die Suche nach einem passenden Sport-BH kann genauso anstrengen wie ein hartes Triathlontraining. Das Start-up Swijin hat jetzt gemeinsam mit der Schweizer Materialforschungsanstalt Empa Sports-Bras mit besonderen Eigenschaften entwickelt.

Die Idee kam Swijin-Gründerin Claudia Glass beim Joggen auf Mallorca. Das blaue Meer sah so einladend aus, dass sie das Laufen mit einer Schwimmeinheit ergänzen wollte. Das Problem war der BH. Die Vorstellung, mit einem nassen, klebrigen Stück Stoff an der Brust zurück zum Hotel zu laufen, hielt sie von ihrem Vorhaben ab.

Sport-BHs haben ihre Tücken

Sie recherchierte und merkte schnell, dass sie auf eine Marktlücke gestossen war: Bikinioberteile sind nicht zum Laufen geeignet und Sport-BHs nicht zum Schwimmen. Deshalb entschloss sie sich, selbst einen Sports-Bra zu entwickeln. «Ehrlich gesagt habe ich komplett unterschätzt, was es bedeutet, so etwas auf die Beine zu stellen», sagt sie rückblickend.

Denn Sport-BHs haben ihre ganz eigenen Tücken. Einige bieten zu wenig Halt, sodass 44 Prozent der Frauen beim Training Schmerzen haben. Andere BHs drücken, reiben oder schnüren ein. Ein Markt-Check im Rahmen des Fundraisings ergab, dass ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Komfort und Halt besteht: Entweder ist der Halt gut, dann leidet die Bequemlichkeit oder die BHs sind angenehm zu tragen, bieten aber nur schlechten Halt.

Nicht nur Spitzensportlerinnen sind betroffen: 17 Prozent der Freizeitsportlerinnen gaben in einer anderen Studie an, dass schlecht sitzende Sport-BHs und Brustschmerzen sie vom Training abhielten. Damit landen Brust-Themen auf Platz vier der Motivationskiller.

Forschung: Brustgrösse und Halt beeinflussen die sportliche Leistung

Schnell war Swijin-Gründerin Claudia klar, dass sie nicht nur einen Schwimm-Lauf-BH, sondern einen gut haltenden, bequemen, schnell trocknenden BH für alle Sportlerinnen entwickeln wollte. Denn ein gut sitzender Sports-Bra ist nicht nur eine Sache des Komforts, sondern wirkt sich auch auf die Leistung aus.

Gründerin Claudia Glass mit den ersten Modellen des neuartigen Sport-BHs.
Gründerin Claudia Glass mit den ersten Modellen des neuartigen Sport-BHs.
Quelle: Siri Schubert

So fanden Forscherinnen und Forscher an der University of Memphis in einer kleinen Studie heraus, dass eine bessere Unterstützung der Brust mit einem geringeren Sauerstoffverbrauch und einer besseren Laufökonomie einhergeht. BHs mit gutem Support können also die Performance verbessern.

Eine frühere Untersuchung mit 168 Teilnehmerinnen nach dem London Marathon 2012 zeigte, dass die Brustgrösse unabhängig von Body-Mass-Index einen Einfluss auf die Finisher-Zeiten von Frauen hat. Zwischen einer Läuferin mit der BH-Grösse 80A (36 A UK) und 80DD (36 DD UK) lag demnach ein Zeitunterschied von 34,4 Minuten.

Und auch, wenn du gerne langsam trabst, ist der BH relevant. Denn eine weitere Studie hat gezeigt, dass Schmerzen durch Bewegungen der Brüste in alle Richtungen auch bei langsamen Läufen auftreten.

Zusammenarbeit mit der Empa

Die Schweizer Agentur für Innovationsförderung, Innosuisse, sah das Potenzial eines BHs, der diese Probleme angeht. Und förderte das Projekt mit mehr als 300 000 Franken. Im Rahmen dieser Förderung kam auch die Zusammenarbeit von Swijin mit der Empa-Abteilung für Biomimetische Membranen und Textilien zustande. «Ohne die Empa wären wir nie so weit gekommen», sagt Claudia bei einem Treffen in den Räumen der Empa in St. Gallen.

Mit dabei: Simon Annaheim, wissenschaftlicher Gruppenleiter bei der Empa. Für ihn sind die biomechanischen Aspekte besonders interessant. Denn das Auf und Ab der Brüste hat Einfluss auf die gesamte Bewegung. Inzwischen wird von wissenschaftlicher Seite auch ein Zusammenhang zwischen Brustbewegung und Knieverletzungen untersucht.

Simon Annaheim, wissenschaftlicher Gruppenleiter bei der Empa, zeigt das Modell mit Sensoren.
Simon Annaheim, wissenschaftlicher Gruppenleiter bei der Empa, zeigt das Modell mit Sensoren.
Quelle: Siri Schubert

Simon betreut das Projekt, bei dem ein spezielles Modell mit naturnahen Brüsten entwickelt wurde. Mit Hilfe von Sensoren und Motoren werden hier die Kräfte ermittelt, die auf die Brüste einwirken. Gleichzeitig misst die Apparatur, wie stark unterschiedliche BHs die Bewegungen eindämmen.

Zudem untersuchen Forscherinnen und Forscher der Empa, wie schnell das Material des neuen BHs trocknet, so dass Athletinnen nicht auskühlen, wenn sie schwitzen, oder beim Triathlon vom Schwimmen zum Radfahren wechseln. Da nasse Kleidung auch stärker reibt, ist schnelles Trocknen ausserdem wichtig, um schmerzhafte Scheuerstellen zu vermeiden.

Inzwischen hat das Empa erste Forschungsergebnisse zum Swijin veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass der Sports-Bra sehr gute Werte hinsichtlich Halt, Temperaturregulierung und Passform erzielte. Das Ziel der Forschung ist, einen wissenschaftlich fundierten Ansatz zu entwickeln, um bessere Sport-BHs mit bestimmten Eigenschaften für unterschiedliche Sportarten zu entwickeln.

Der Stoff basiert auf Rizinusbohnen

Ein geeignetes Garn zu finden, das leicht, widerstandsfähig und schnell trocknend ist, war eine weitere Hürde für Gründerin Claudia. «Unser erster Prototyp aus Synthetik fühlte sich an wie ein Scheuerlappen», sagt sie. «Definitiv nichts, was du in die Nähe deiner Brüste bringen willst.» Dann kam der entscheidende Anruf der Empa. Die Forscherinnen und Forscher waren auf ein Material gestossen, das alle funktionellen Ansprüche erfüllt und zusätzlich aus einem nachwachsenden Rohstoff besteht. Aus Rizinusbohnen.

Gemacht aus Rizinusbohnen: Der Stoff ist von Natur aus wasserabweisend.
Gemacht aus Rizinusbohnen: Der Stoff ist von Natur aus wasserabweisend.
Quelle: Siri Schubert

Die daraus gefertigten Fasern sind wasserabweisend und trocknen dadurch sehr schnell. Zudem sind sie genauso dehnbar und reissfest wie erdölbasierte Hochleistungsfasern.

Das Potenzial scheint vorhanden

Die Nachfrage nach gut sitzenden Sport-BHs steigt. Der Marktforschungsagentur Greys Views zufolge soll der Markt für Sports-Bras bis 2029 auf 103,5 Milliarden USD (92,9 Milliarden CHF, 98,6 Milliarden Euro) wachsen. Allein in Deutschland sollen den Berechnungen nach 2029 Sport-BHs im Wert von insgesamt rund 9,7 Milliarden Euro (9,1 Milliarden CHF) verkauft werden.

Inzwischen bietet Swijin zwei verschiedene Sports-Bras, den «Freeli» und den «Schnuggi» mit hohem Support an, ein dritter für grosse Oberweiten wird bald gelauncht. Die Modelle kommen ohne Schnallen und verstellbare Gurte aus und reduzieren so zusätzlich die Gefahr des Scheuerns. Bei Galaxus haben wir derzeit keine Swijin-BHs im Sortiment.

Profi-Sportlerin Anna Zehnder trägt den BH bei Wettkämpfen

Auch Profi-Sportlerinnen setzen auf den neuen Swijin Sports-Bra, darunter die Schweizer Profi-Triathletin Anna Zehnder. Zu ihren grössten Erfolgen zählt der Vize-Weltmeistertitel im Cross Duathlon 2023 und der Vize-Europameistertitel im Cross Triathlon 2024.

Profi-Sportlerin Anna Zehnder läuft im Swijin-BH.
Profi-Sportlerin Anna Zehnder läuft im Swijin-BH.
Quelle: Xterra/Carel du Plessis

Für sie war es lange Zeit eine Herausforderung, den passenden Sport-BH zu finden, da sie eine relativ kleine Körbchengrösse, aber einen durch das Schwimmen muskulösen Rücken hat. Zudem machten ihr scheuernde Nähte und Reibung durch dicke Unterbrustbänder bei vielen Sport-BHs zu schaffen. Beim Triathlon war ein Sport-BH, der sich mit Wasser vollsaugte, ein besonderes Problem: Er verlangsamte das Schwimmen und beim Radfahren und Laufen war der nasse, kalte Stoff unangenehm.

Besonders wichtig ist Anna Zehnder, dass der BH nach dem Schwimmen schnell trocknet.
Besonders wichtig ist Anna Zehnder, dass der BH nach dem Schwimmen schnell trocknet.
Quelle: Xterra/Carel du Plessis

Mit dem Swijin-BH hat sie diese Schwierigkeiten nicht: «Ich spüre ihn fast nicht und er gibt mir guten Support und Halt», sagt die Schweizer Profi-Sportlerin in einem Telefon-Interview. Er sauge sich zudem nicht voll und trockne extrem schnell. Deshalb trage sie ihn beim Training und auch bei Wettkämpfen. Und noch ein Vorteil hat der Swijin in ihren Augen: «Ich mag den klassisch eleganten Look.»

Titelbild: Siri Schubert

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